Konzept

Stand: November 2011

Inhalt

  1. Träger, Art, Standort und Größe der Einrichtung

    1. Historie der Einrichtung
    2. Grundstück, Gebäude, Raumkonzeption
    3. Personal, Stellenplan
  2. Allgemeine Zielsetzung, Zielgruppe

    1. Zielgruppe
    2. Die Sinnfrage und das spezifische christliche Angebot
  3. Betreuungskonzept

    1. Aufnahmeverfahren
      1. Erstkontakt
      2. Probewohnen
    2. Phasen der Eingliederung
      1. Eingewöhnungsphase
      2. Festigungsphase
      3. Adaptionsphase
    3. Therapeutisches Angebot
      1. Zielsetzung
      2. Medizinische Versorgung
      3. Einzelbetreuung
      4. Gruppenaktivitäten, Freizeitgestaltung
    4. Arbeitstraining, Arbeitserprobung, Ausbildung, Zweckbetrieb
      1. Zielsetzung
      2. Arbeitspädagogische Zweckbetriebe
      3. Schreinerei und Palettenbau
  4. Auszug

    1. Beruf, Arbeit, Beschäftigung
    2. Wohnen
    3. Weiterführende Betreuung

1. Träger, Art, Standort und Größe der Einrichtung

1.1 Historie der Einrichtung

Der Verein „NEUSTART e.V.“ unterhält als gemeinnützig und mildtätig anerkannter Verein eine Einrichtung zur Reintegration straffällig gewordener und/oder drogenabhängiger junger Menschen. Der Verein ist über den Fachverband netzwerk-m Mitglied des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland e.V. Außerdem ist der Verein Mitglied in der Facharbeitsgemeinschaft Suchthilfe des Lahn-Dill-Kreises, im International Association of Christian Counseling and Charitable Prison and Rehabilitation Ministries (IACPR) und in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL).

Der Verein finanziert sich fast ausschließlich durch Spenden und aus Pacht- und Mieteinnahmen.

Mit der Gründung des Vereins im Jahr 1990 in 35767 Breitscheid wurde ein offener Jugendtreff in der Hohe Straße 4 eröffnet. Im gleichen Haus wurde eine Wohnung angemietet, in der die erste Wohngemeinschaft entstand. 1993 wurde ein Gebäude in der Schönbacher Straße 2 erworben, in das der Jugendtreffpunkt verlegt wurde. Im gleichen Jahr erwarb der Verein das Anwesen Hohe Straße 15-17. Hier entstand im großen Wohnhaus eine weitere Wohngemeinschaft. In den dazugehörigen Montagehallen entstanden die Zweckbetriebe Garten-Landschaftsbau und Schreinerei. 1995 wurde das Gebäude Hohe Straße 4 erworben. Im Jahr 2000 wurde ein großer Aussiedlerhof mit Wohngebäude (Hofgut Begegnungen), Auf der Hub 6, ebenfalls in Breitscheid, als weiterer Zweckbetrieb erworben. Ende 2001 musste der Garten- Landschaftsbau aus Mangel an Fachpersonal geschlossen werden. 2006 wurde die Landwirtschaft auf Nebenerwerb umgestellt und die freigewordenen Hallen vom vereinseigenen Holzbetrieb genutzt. 2009 wurde der Holzbetrieb in die NSB Holz gGmbH als Tochterfirma des Vereins ausgelagert. Die Wohnräume auf dem Hofgut Begegnungen wurden zu Büros umfunktioniert. In 2011 wurde die Schreinerei vollständig auf das Hofgut verlegt.

Z.Zt. besteht die Möglichkeit, für 5 Gäste Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten in der Intensivbetreuung anzubieten. 4 Plätze gibt es in der nachbetreuenden Wohngemeinschaft. Für zwei bis drei Familien besteht Wohn- und Beschäftigungsmöglichkeit mit dauerhafter Anbindung an den Verein bei selbständiger Lebens- und Haushaltsführung.

1.2 Grundstücke, Gebäude, Raumkonzeption

Hohe Straße 4:

Es handelt sich um ein 1 1/2-geschossiges Einfamilienhaus mit ausgebautem Dachgeschoss und einer Einliegerwohnung im Kellergeschoss.

Grundstück:

1991 qm.

Baujahr:

1980, Anbau 1992

KG:

Einliegerwohnung mit 4 Zimmern, Kochnische, Bad-WC, Heizung, Keller, Lagerräume, Flur, Treppe.
Wohnraum für 4 Bewohner in der Nachbetreuung

EG:

5 Zimmer, Küche, Hauswirtschaftsraum, sep. WC, Bad-WC, Flur, Garderobe, Treppenhaus, 2 Balkone.
Mitarbeiterwohnung und Nachtbereitschaftszimmer

DG:

5 Zimmer, 2 WC, 3 DU, Flur/Treppe.
Wohnraum für 5 Bewohner und einen Mitarbeiter.

 

Auf der Hub 6:

Es handelt sich um einen landwirtschaftlichen und gewerblichen Betrieb im Außenbereich der Gemeinde Breitscheid.

Grundstück:

53.587 qm

Wohnhaus:
Baujahr:

1974, im Erdgeschoss renoviert 1997

EG:

1 Zimmer, Küche, WC, DU, Abstellraum, Eingang mit Flur. Hofcafé

OG:

3 Büroräume, Küche, Bad-WC, 2 Abstellräume, Flur, Balkon.

Nebengebäude:

10 landwirtschaftliche Nebengebäude (Bj. 1974 – 1994), z. T. für die Nutzung durch die NSB Holz gGmbH umgebaut.

1.3 Personal, Stellenplan

Das Team zur Betreuung in der Intensivphase setzt sich wie folgt zusammen:

  • 1/2 Sozialpädagogische Leitung
  • 1/2 Verwaltung
  • 1/2 Therapeut
  • 1 Diakon, Erzieher i. A

Darüber hinaus ehrenamtliche Mitarbeiter in Teilzeit:

  • Erzieherin
  • IT-Fachmann
  • Zimmermann i. A.
  • Hauswirtschaftskraft

Hinzu kommen die Mitarbeiter der NSB Holz gGmbH, die im Rahmen des Arbeitstrainings, der Ausbildung oder des Anstellungsverhältnisses eine geordnete Tagesstruktur schaffen.

2. Allgemeine Zielsetzung, Zielgruppe

2.1 Zielgruppe

Männer im Alter von 18 – 30 Jahre mit folgenden Indikationen:

  • Straffälligkeit, von Straffälligkeit bedroht oder strafentlassen
  • Suchtabhängig aus dem Bereich der illegalen Drogen inklusive Designer- und Partydrogen
  • Defizite in der persönlichen Entwicklung oder der sozialen Eingliederung, zu deren Aufarbeitung eine ambulante Begleitung und Beratung nicht ausreicht.

Nach § 2 der Vereinssatzung von neuSTART, Gefährdetenhilfe Breitscheid ist Zweck des Vereins „in praktischer Betätigung christlicher Nächstenliebe die Betreuung und Wiedereingliederung von straffälligen, strafentlassenen und gefährdeten Personen. Im Rahmen dieses Vereinszwecks ist der Verein insbesondere bemüht, Jugendliche aus dem Strafvollzug in den Gemeinschafts- und Berufsbereich zu integrieren“.
Wesentliche Merkmale der jungen Menschen, an die sich die Angebote unseres Vereins richten sind:

  • Straffälligkeit
  • Haft (-entlassung)
  • Sucht (Alkohol, Drogen, Spielsucht etc.)
  • Leistungsversagen (oft frühzeitig bereits im Schulbereich)
  • Deprivation ( z. B. durch Aufwachsen in Obdachlosenunterkünften, Heimerziehung oder andere Mangelsituationen)
  • Schulisch und intellektuelle Defizite
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Langzeitarbeitslosigkeit

2.2 Die Sinnfrage und das spezifisch christliche Angebot

Die Personen der Zielgruppe sind gekennzeichnet durch eine verhaltensauffällige Persönlichkeit. Sie sind in der Regel in ihrer Selbsteinschätzung und in ihren Beziehungen zur Umwelt gestört. Die sozialtherapeutische Arbeit geschieht auf dem Hintergrund des christlichen Glaubens. Die sozialintegrative Phase der Nachsorge sollte unseren Vorstellungen nach, über eine Analyse und Behandlung der Ursachen hinaus, die „Sinnfrage“ einbeziehen. Die Auseinandersetzung mit der Sinnfrage berührt Fragen des christlichen Glaubens. Der Mensch wird dabei in seiner gesamten Existenz angesprochen und konfrontiert. Gemäß dem christlichen Glauben gehören zu einem sinnvollen Leben nicht nur die Beziehungen zu den Mitmenschen, zu sich selbst und zur Umwelt, sondern auch zu Gott. Diese Beziehung kann durch den Glauben an Jesus Christus hergestellt werden. Viele Gefährdete haben in ihrer frühkindlichen Entwicklung oft einen Mangel an Liebe und Geborgenheit erfahren. Die Eltern oder andere frühere Bezugspersonen konnten nicht als ausreichend gutes Objekt erfahren werden. Das Urvertrauen wurde in der kindlichen Psyche nicht entwickelt. Durch die Erfahrung der Liebe Gottes kann sich der Bewohner angenommen fühlen. Das Vergeben der Schuld anderer und die Erfahrung der Vergebung eigener Schuld befreit tiefgreifend zu einem neuen Leben. An die Stelle von Selbstvorwürfen oder das Anklagen anderer tritt zunehmend die Selbstannahme und die Akzeptanz sowie Wertschätzung anderer Menschen.

3. Betreuungskonzept

Ziel aller Betreuungsmaßnahmen ist es, die Betreuenden darin zu unterstützen, den höchstmöglichen Grad an Selbständigkeit zu erreichen, um sich in die Gesellschaft integrieren zu können. Die Arbeitsweise unserer Einrichtung wird dabei bestimmt vom christlichen Grundverständnis evangelischer Diakonie.
Unser Ansatz integriert Sozial- und Milieutherapie, Erkenntnisse der Psychotherapie, seelsorgerische Beratung und Arbeitstraining, im Rahmen einer geschützten Wohnsituation zu einem ganzheitlichen Konzept.

3.1 Aufnahmeverfahren

3.1.1 Erstkontakt

Der Erstkontakt wird von den Betreuenden selbst, von Angehörigen oder von Behörden telefonisch oder per Brief hergestellt. Bei Interesse kann sich der Bewerber schriftlich um einen Platz bewerben. Die Bewerbung ist verbunden mit einem unverbindlichen Informationsgespräch.

3.1.2 Probewohnen

Manchmal lässt sich nach einem Vorstellungsgespräch noch nicht sagen, ob unser Betreuungsangebot die geeignete Hilfe ist. In diesem Fall kann zunächst ein Probewohnen vereinbart werden. Während des mehrtägigen Probewohnens besteht die Möglichkeit, an einem normalen Wochenablauf teilzunehmen und die Einrichtung kennen zu lernen. In Einzelgesprächen werden Motivation, Vorstellungen und Erwartungen genauer abgeklärt. Durch den Sozialbericht der abgebenden Stelle, der zu Beginn des Probewohnens vorliegen sollte, erhalten wir weitere wichtige Informationen.

Nach dem Probewohnen berät das Mitarbeiter-Team über die Aufnahme. Das Ergebnis wird dem Bewerber mitgeteilt. Der Bewerber hat anschließend noch eine Woche Zeit, das Erlebte in Ruhe und Abstand zu überdenken und seine eigene Entscheidung zu treffen.

3.2 Phasen der Eingliederung

Die Dauer der Eingliederungsmaßnahme beträgt im Schnitt 12 – 36 Monate. Diese Zeit ist in drei Phasen eingeteilt, die Vergangenheitsbewältigung, Erkennen des derzeitigen Standorts und die zukünftigen Perspektiven beinhalten. Je nach individueller Entwicklung kann es dabei zu einer Verlängerung des Aufenthalts kommen.

Dem Übergang in eine neue Stufe geht eine Reflexion im Mitarbeiter-Team und im Gespräch mit dem Gefährdeten voraus. Rückfälle während der Maßnahme werden aufgearbeitet oder können bei unzureichender Motivation auch zu einer frühzeitigen Beendigung der Eingliederungsmaßnahme führen.

3.2.1 Stufe 1: Eingewöhnungsphase

Dauer:

2 – 3 Monate

Die Eingewöhnungsphase dient dazu, „sich einzuleben“ und in die Gemeinschaft hineinzuwachsen. Dazu gehört außerdem der Umgang mit der Hausordnung und das Erlernen von Tages- und Wochenablauf.

Schwerpunkte sind:

  • Integration in die Gemeinschaft
  • Wohntraining
  • Schuldenregulierung
  • Arbeitstraining
  • Erforderliche medizinische Untersuchungen

Regeln:

  • Die ersten vier Wochen gelten als Probezeit
  • In den ersten drei Monaten besteht eine Kontaktsperre
  • Eine Partnerschaft ist im ersten Jahr nicht gestattet. Wenn eine Partnerschaft sich nach dem ersten Jahr entwickelt, wird diese mit der Leitung sowie Hausleitung besprochen und ein passender Rahmen dafür festgelegt. Sollte bereits eine Partnerschaft vorhanden sein, muss mit der Leitung gesprochen und ein passender Rahmen dafür festgelegt werden.

3.2.2 Stufe 2: Festigungsphase

Dauer:

6 – 10 Monate

Die Festigungsphase dient dazu, sich im Alltagsleben zu bewähren. Der geregelte Tagesablauf soll dazu beitragen, dass sowohl Arbeitsvorgänge als auch Beziehungen gefestigt werden.

Schwerpunkte sind:

  • Einübung neuer Verhaltensweise
  • Erworbene Fähigkeiten ausbauen
  • Fremdverantwortung wahrnehmen
  • Konfrontation mit Kritik, Konfliktbewältigung und Spannungen
  • Frustrationstoleranz einüben und erweitern
  • Selbstverantwortung stärker fördern
  • Lebenspraktisches Training, Haushaltsführung

Regel:

  • Besuche können nach Anmeldung empfangen werden.

3.2.3 Stufe 3: Adaptionsphase

Dauer:

6 – 12 Monate

Der Übergang auf die Realität „Alltag“ soll vollzogen werden.

Schwerpunkte sind:

  • Erarbeitung der Zukunftsperspektiven
  • Beratungsgespräche im Rahmen der Berufsfindung
  • Umgang mit Freizeitgestaltung
  • Umgang mit Geld neu erlernen
  • Selbstverantwortung übernehmen
  • Selbständige Haushaltsführung

3.3 Therapeutisches Angebot

3.3.1 Zielsetzung

Im Zusammenleben der Wohngemeinschaft wird der Einzelne als von Gott erschaffenes und damit wertvolles Individuum in seinen sozialen, personalen und transzendenten Bezügen ernstgenommen und gefördert. Der Einzelne soll die Fähigkeit zu einem verantwortlichen Mitleben in der Wohngemeinschaft entwickeln. Konkret Lernziele sind dabei:

  • Wechselseitige befriedigende Beziehungen in einem nicht kriminellen Beziehungsfeld aufzubauen.
  • Mit anderen situationsangemessen in Kommunikation treten zu können ( z. B. verbale Konfliktbewältigung, ausreichende Beherrschung der Schriftsprache)
  • Durch Arbeit die eigene materielle Existenz sichern und einen Beitrag an das Gemeinwesen leisten zu können.
  • Gesellschaftliche (z.B. politische und zeitgeschichtliche) Abläufe und Angebote wahrnehmen, in ihrer Bedeutung für die persönliche Situation erfassen und daran teilnehmen zu können

Der Einzelne soll die Fähigkeit zu einer den Möglichkeiten und Grenzen seiner eigenen Situation und Person entsprechenden Lebensgestaltungen entwickeln. Dies meint konkret:

  • Eine den Fähigkeiten und Interessen entsprechende Berufsfindung
  • Freizeit befriedigend und kreativ gestalten zu können
  • Die eigene Persönlichkeit und Lebenssituation erfassen und (unter bewusstem Verzicht auf Fluchtmechanismen) entwickeln zu können

Der Einzelne soll das Angebot eines Lebens aus dem Glauben (d. h. aus einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus) kennenlernen.

Hierzu gehört:

  • Der Bewohner erhält als persönliche Bezugsperson einen Mitarbeiter, der für ihn für die gesamte Zeit sein Bezugsbetreuer darstellt.
  • Für jeden Bewohner wird in Absprachen mit ihm ein individueller Betreuungsplan mit konkreten Zielsetzungen im Rahmen des bestehenden Betreuungskonzeptes erstellt.

3.3.2 Medizinische Versorgung

Die ärztliche und fachärztliche Behandlung findet außerhalb der Einrichtung statt. Dies geschieht u.a. in Zusammenarbeit mit den MitarbeiterInnen der Suchtstationen und der Institutsambulanz der Vitos-Klink Rehberg Herborn, sowie den niedergelassenen Ärzten und Fachärzten. Für alle Betreuenden besteht freie Arztwahl, wobei dies immer in Absprache mit der Einrichtung geschieht.

3.3.3 Einzelbetreuung

Jeder Betreute hat die Möglichkeit, mit seinem Bezugsbetreuer Perspektiven zu entwickeln und erfährt Hilfe bei der Umsetzung der angestrebten Ziele.

Dabei geht es um Hilfe und Förderung lebenspraktischer Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen (Umgang mit Behörden, Umgang mit Geld, berufliche Fragen, Hauswirtschaft, Kochen, Waschen, Putzen, Hygiene und Gesundheitspflege, etc.). Vor allem im hauswirtschaftlichen Bereich kann der Bewohner durch gezieltes Training (auch Einzeltraining), bis hin zur Selbstversorgung, die nötige Kompetenz erwerben, um in einer eigenen Wohnung bzw. im betreuten Wohnen in größtmöglicher Selbständigkeit leben zu können.

In den regelmäßig stattfindenden Einzelgesprächen geht es sowohl um aktuelle Problemstellungen, als auch um die Erhellung der Lebensgeschichte.

Dabei soll der Bewohner sich selbst, d.h. seine persönlichen Fähigkeiten und Grenzen, seine Emotionen und sein Verhalten kennenlernen. Ziel ist es, ein drogenfreies, sinnerfülltes Leben zu führen.

Lebenskonflikte, die ihm früher Anlass zum Suchtverhalten gaben, sollen aufgearbeitet und bewältigt werden. Das Ordnen der Vergangenheit, sowie seine während des Wohnens auftretende Konflikte und Schwierigkeiten im Rahmen der Wohngemeinschaft sind auch Inhalte des Gesprächs.

3.3.4 Gruppenaktivitäten, Freizeitgestaltung

Die Menschen in unseren Zielgruppen haben enorme Schwierigkeiten mit ihrer Freizeitgestaltung und geraten deshalb u.U. in Einsamkeit, Isolation, Depression und Sucht. Deshalb ist es wichtig zu lernen, diesen Bereich eigenverantwortlich zu organisieren.

In der Gruppe ist man besonders eng mit Menschen zusammen, die gleiche oder ähnliche Schwierigkeiten haben oder hatten, und die versuchen, ihre Probleme zu bewältigen oder sie bereits bewältigt haben. Die Orientierung an solchen „Modellen“ übt im milieutherapeutischen Sinn einen wichtigen Einfluss aus. Im Rahmen einer solchen Gruppe erhält der Bewohner sowohl Ermutigung als auch Korrektur und Hilfen zur praktischen Lebensgestaltung und Bewältigung.

Ziele der Gruppenaktivitäten sind:

  • Verbesserung der Selbst- und Fremdwahrnehmung
  • Klärung eigener Wertvorstellungen
  • Entwicklung von Echtheit und Identität
  • Verarbeitung von Erfolg und Misserfolg
  • Lernen, das eigene Handeln in Bezug zur Um- und Mitwelt wahrzunehmen und adäquat zu gestalten
  • Lernen von Zusammenarbeit und Verantwortung
  • Entwicklung von Korrekturbereitschaft, etc.

Alle Mitbewohner der Wohngemeinschaften nehmen aktiv am Freizeitprogramm teil. Dies findet unter der Woche und am Wochenende statt. In die Planung wird jeder mit einbezogen. Es gibt feste Freizeitveranstaltungen wie verschiedene Sportgruppen. Neben diesen regelmäßig stattfinden Freizeitangeboten gibt es als besondere Höhepunkte größere Sportturniere, Wochenend- und Sommerfreizeiten. Besonders die Freizeiten stabilisieren durch gemeinsames Erleben die zwischenmenschlichen Beziehungen, sie bieten Erholung und Bildung.

Weitere Aktivitäten im Freizeitbereich sind:

  • Gesellschaftsspiele
  • Feiern
  • Besuch kultureller Veranstaltungen
  • Ausflüge, Freizeiten
  • Videofilme und Kinobesuche
  • Teilnahme an Angeboten der verschiedenen Kirchen und Gemeinden
  • Sport
  • Aktivitäten des vereinseigenen Präventionsprojektes Pfadfinderstamm August Hermann Francke mit wöchentlichen Gruppenstunden

3.4 Arbeitstraining, Arbeitserprobung, Ausbildung, Zweckbetriebe

3.4.1 Zielsetzung

An den vorhandenen oder noch nicht gelernten Fähigkeiten unserer Zielgruppe orientieren sich die Ziele des Arbeitstrainings:

  • Motivationsförderung
    Leistungsmotivation muss in konkreten Einzelschritten aufgebaut werden: Kleine Erfolgserlebnisse helfen, misserfolgsorientierte Erfahrungen zu überwinden. Aufgrund der geringen Motivationsspanne sind anfänglich nur überschaubare und zeitliche begrenzte Aufgaben unter Anleitung möglich.
  • Sozialverhalten am Arbeitsplatz
    Der Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen, die Bewältigung von Konflikten und die Arbeit im Team sowie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und ähnliche Verhaltensformen müssen von den Trainingsteilnehmern eingeübt werden. Langzeitarbeitslosigkeit oder die den Bedingungen des freien Arbeitsmarktes nicht entsprechenden Umgangsformen in den Betrieben der Justizvollzugsanstalten haben hier erhebliche Defizite hinterlassen.
  • Leistungstraining
    In der Anfangssituation sind körperliche Leistungsgrenzen zu überwinden, bei suchtabhängigen jungen Menschen gerade auch die Folgen des Entzuges. Für viele besitzt die Konzentrationsfähigkeit eine besondere Bedeutung.
  • Entwicklung berufsrelevanter Fähigkeiten
    Einfache handwerkliche und praktische Fähigkeiten werden trainiert, das Auffassungs- und Merkvermögen gefördert und das (räumliche) Vorstellungsvermögen geschult. Die Mitarbeit in den verschiedenen Bereichen des Arbeitstrainings vermittelt einen Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge und erste Kenntnisse in diesen Berufsfeldern.
  • Identifikation / Sinnfindung
    Die Mitarbeit im beruflichen Bereich ermöglicht es dem Trainingsteilnehmer, seine Umwelt aktiv mitzugestalten und für andere bedeutsame Leistungen zu erbringen. Dies vermittelt die Erfahrung, gebraucht zu werden. Die Identifikation mit der Arbeit ist bedeutsam, um die Tätigkeit als „sinn“-voll erleben zu können und darin Bestätigung zu erleben.
  • Berufs (-wahl-) vorbereitung
    Die verschiedenen Bereiche des Arbeitstrainings vermitteln Kenntnisse im handwerklichen und hauswirtschaftlichen Bereich. Dies ermöglicht es den Trainingsteilnehmern, Arbeitsfelder kennen zu lernen, Interessen zu entdecken und Fähigkeiten zu erproben. Im Gegensatz zu anderen Bereichen werden Erfolg und Misserfolg im Bereich Arbeit direkt sichtbar und bieten dadurch Ansatzpunkte zur Aufarbeitung und Veränderung von Fehlverhalten.
  • Gemeinwesenorientierung
    Wesentliches Merkmal des Arbeitstrainings bildet der direkte Kontakt mit der Bevölkerung: In der Begegnung mit dem Kunden wird das Sozialverhalten des einzelnen gefordert und trainiert. Die realistischen Bedingungen einer Verkaufssituation spiegeln den Stand seines eigenen Verhaltens und seiner Persönlichkeitsentwicklung wider. Zugleich jedoch werden Bürger durch qualitativ hochwertige Ware, ansprechende Präsentation der Ware und einfühlsame Verkaufsgespräche gewonnen, Straffällige nicht als „Exotische Außenseiter der Gesellschaft“ zu betrachten. Sie begegnen ihnen vielmehr im Alltag und können so Schranken überwinden.

Weitere Ziele des Arbeitstrainings sind:

  • Tagesstruktur geben
  • Normalität von täglichem Arbeiten erleben
  • Miteinander arbeiten und planen lernen
  • Abbau von Minderwertigkeitsgefühlen
  • Förderung von Ausdauer und Erhöhung der Frustrationstoleranz
  • Steigerung der Konzentrationsfähigkeit und Arbeitsleistung
  • Zusammenhang von sinnvoller Arbeit und psychischem Wohlbefinden erkennen
  • Entdecken eigener Fähigkeiten
  • Kennenlernen der eigenen Anpassungsfähigkeit bei verschiedenen Arbeitsvorgängen, etc.

3.4.2 Arbeitspädagogischer Zweckbetrieb

Je nach Ausgangssituation, dem Grad der Gefährdung und der persönlichen Entwicklung nimmt der Einzelne sechs bis achtzehn Monate an dem arbeitspädagogischen Programm teil. Je nach Entwicklung und Eignung wechselt der Betreute dann in eine Ausbildung oder Berufstätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Die Teilnahme am Arbeitstraining ist kostenfrei.

3.4.3 Schreinerei und Palettenbau

In der NSB Holz gGmbH bestehen vier Ausbildungsplätze, die von jungen Menschen aus den Wohngemeinschaften des Vereins genutzt werden.
Folgende Ausbildungsberufe werden angeboten:

  • Tischler
  • Holzbearbeiter
  • Holzmechaniker in Fachrichtung Verpackungsmittel

Folgende Tätigkeiten werden ausgeführt:

  • Innenausbau
  • Möbelschreinerei
  • Bauschreinerei
  • Reparaturschreinerei
  • Herstellung von Paletten
  • Herstellung von Kisten und Sonderverpackungen

4. Auszug

Der Auszug wird gemeinsam mit dem Bewohner und den beteiligten Diensten (u.a. Bewährungshelfer, gerichtl. bestellte Betreuer, Betreutes Wohnen) vorbereitet und durchgeführt.

Es hat sich als hilfreich erwiesen, wenn vor dem Umzug in einen eigenen Wohnbereich, der zukünftige Arbeits-, Ausbildungs- oder Beschäftigungsplatz bereits gefunden ist, und der Betreute sich in diesem Bereich schon etwas eingewöhnt hat.

4.1 Beruf, Arbeit, Beschäftigung

Abgesehen von der schwierigen Arbeitsmarktlage bietet sich die Möglichkeit, durch Berufsfindungs- bzw. Rehabilitationsmaßnahmen der zuständigen Arbeitsagentur, Möglichkeiten für einen zukünftigen Beruf zu erkunden. Außerdem bieten Arbeitspraktika bzw. Arbeitserprobungsmaßnahmen immer wieder die Chance, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden.

4.2 Wohnen

Trotz der teilweise schwierigen Wohnungsmarktlage gibt es für Bewohner verschiedene Wohnmöglichkeiten im Anschluss an ihren Wohngemeinschaftsaufenthalt. Manche ziehen zurück in ihr bekanntes familiäres Umfeld. Anderen gelingt es, eine eigene Wohnung zu finden und ohne Betreuung ihr Leben zu gestalten.